Im Jahr 1338 gestattete König Johann von Luxemburg der Prager Altstadt, ein Rathaus zu errichten. Den Kern des Ensembles bildete das Haus des Wolflin von Stein aus dem späten 13. Jahrhundert. Es liegt dem Turm am nächsten und besitzt ein prächtiges spätgotisches Portal. Bald darauf begann der Bau des Uhrturms. Mit dem Wachstum der Stadt benötigte auch die Stadtverwaltung mehr Platz. Sie kaufte deshalb benachbarte Häuser hinzu und ließ weitere Gebäude errichten.

Foto des Erkers am Uhrturm des Altstädter Rathauses in Prag

Als letzte Erweiterung kam im 19. Jahrhundert der neugotische Südflügel hinzu. Er wurde während des Prager Aufstands am Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen Brand zerstört und nie wieder aufgebaut. Heute befindet sich an seiner Stelle eine kleine Grünanlage. Der Bau des 69,5 Meter hohen Turms wurde 1364 abgeschlossen. Im ersten Obergeschoss befindet sich eine Kapelle. Ihr hervorragend erhaltener Erker zählt zu den wertvollsten gotischen Baudenkmälern der Stadt.

Eine weitere Sehenswürdigkeit am Turm ist die astronomische Uhr, auch Orloj genannt. Der Name „Orloj“ stammt vom altdeutschen Wort „orlai“, mit dem aufwendig konstruierte Turmuhren bezeichnet wurden. Solche Uhren zeigten nicht nur die Zeit an, sondern auch die Stellung bestimmter Himmelskörper über ihrem Standort. In Tschechien sind nur zwei solcher Uhren erhalten geblieben: eine am Altstädter Rathaus in Prag und die andere am Rathaus in Olmütz.

Die Prager Rathausuhr wurde 1410 von Johannes Schindel, einem Magister der Prager Universität, und dem Uhrmacher Nikolaus von Kaaden geschaffen. Während der Hussitenkriege wurde sie schwer beschädigt. Ende des 15. Jahrhunderts setzte Meister Hanuš von Růže sie wieder instand und verbesserte ihre Konstruktion. Im 16. Jahrhundert blieb die Uhr plötzlich stehen. Dem Meister Jan Táborský gelang es jedoch, sie zu reparieren. Er war auch der Erste, der ihre Funktionsweise beschrieb.

Foto der astronomischen Uhr und des Kalenders am Altstädter Rathaus in Prag

Im Laufe ihrer jahrhundertelangen Geschichte blieb die Uhr mehrmals stehen und musste repariert werden. Umso beeindruckender ist es, dass dennoch mehr als zwei Drittel der Bauteile ihres Uhrwerks seit über 600 Jahren ohne Austausch funktionieren!

Foto der Figuren Tod und Türke am Uhrturm des Altstädter Rathauses in Prag

Der Punkt, an dem alle Zeiger zusammenlaufen, markiert die Lage Prags auf der Erdkugel. Die gelbe Kugel auf dem gelben Zeiger steht für die Sonne. Nach den Vorstellungen des 15. Jahrhunderts kreiste diese um die Erde und nicht umgekehrt. Die schwarze Kugel auf dem schwarzen Zeiger stellt den Mond dar. Außerdem ist auf dem Zifferblatt ein Ring mit den Symbolen der Tierkreiszeichen zu sehen. Die vergoldeten Linien zeigen die astronomische Zeit sowie die Wendekreise des Krebses und des Steinbocks an. Die verschiedenfarbigen Flächen stehen für Tag, Nacht, Morgendämmerung und Abenddämmerung.

Im unteren Teil des Turms befindet sich außerdem ein Kalenderzifferblatt. Das ursprüngliche, von Meister Hanuš von Růže geschaffene Kalenderblatt ist nicht erhalten geblieben. Das heute sichtbare Kalenderblatt ist ein Werk des tschechischen Malers Josef Mánes aus dem Jahr 1866.

In der Mitte ist das Prager Stadtwappen mit drei Türmen und einem offenen Tor zu sehen. Darum gruppieren sich zwölf Medaillons mit Tierkreiszeichen und zwölf weitere mit Szenen aus dem bäuerlichen Leben, die die Monate des Jahres darstellen. Am äußeren Rand verläuft ein weißer Ring mit 365 Zweizeilern aus dem alttschechischen Kalender. Ein kleiner vergoldeter Pfeil am oberen Rand zeigt Tag und Monat an. Um Mitternacht rückt die Kalenderscheibe um ein Feld weiter.

Foto von Touristen, die auf dem Altstädter Ring in Prag auf den Apostelumzug warten

Die Figuren links und rechts vom Zifferblatt und vom Kalender haben eine symbolische Bedeutung. Die Figur mit dem Spiegel verkörpert die Eitelkeit, der Mann mit dem ledernen Geldbeutel die Habgier. Das Skelett steht für den Tod, der Türke mit der Laute für Lebensfreude und irdische Genüsse. Neben dem Kalender stehen von links nach rechts die unbeweglichen Holzfiguren des Philosophen, des Erzengels Michael, des Astronomen und des Chronisten.

Foto des heiligen Paulus mit Buch und Schwert beim Apostelumzug am Altstädter Rathaus in Prag

Zu jeder vollen Stunde findet am Turm ein besonderes Schauspiel statt. Der Tod läutet die Glocke und dreht die Sanduhr um. Die blauen Fenster öffnen sich, und die zwölf Apostel erscheinen. Jeder von ihnen lässt sich an dem Gegenstand erkennen, den er in den Händen hält: der heilige Petrus am Schlüssel, der heilige Matthäus an der Axt, der heilige Thomas am Speer und so weiter.

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